YOLO as an idiot

17. Januar 2014 von Patrick Wieth

idiot

Manchmal fragt man sich ja, was die verschiedenen Generationen unterscheidet. Irgendwie ist der Unterschied zwischen den Großeltern und deren Altersgenossen und der eigenen Generation markant. Aber dann fragt man sich wieder, ob das nicht einfach am Alter liegt und man selbst auch so wird, wenn man genauso alt ist. Zum Glück gibt es aber noch die Elterngeneration, die das Bindeglied dazwischen darstellt.

Da man nicht wissen kann, was man tun wird, wenn man so alt ist, wie diese alten Knacker, kann man nur fragen, was die getan haben, als sie alt waren, wie wir. Naja die einen waren froh, wenn sie was zu essen hatten. Deren Schule war zerbombt und sie sind mehrere Kilometer auf die Arbeit gelaufen, wenns sein muss auch über zugefrorene Flüsse. Auch wenn es um den Kauf neuer Geräte geht, sind die irgendwie anders.

„Ich kauf mir kein neues Hörgerät. Die Dinger sind eh Mist und funktionieren nicht gescheit. Dafür auch noch Geld ausgeben?“

Ja ok, aber die neuen Hörgeräte funktionieren besser.

„Ja das heißt es schon seit 10 Jahren“

Ok gut, wenn man sie dann mit einem neuen ausstattet, dann ist die Begeisterung groß. Beeindruckend ist aber die Sparsamkeit und die Genügsamkeit. Wenn das Hörgerät nicht kaputtgeht, dann gibt es keine Notwendigkeit ein neues zu kaufen. Wie sind wir heute? Wir brauchen ein neues Hörgerät, weil die anderen alle ein neues und besseres Hörgerät haben, weil sie damit Bilder auf Instagram posten können, die dann auch gleichzeitig auf Facebook landen. Die Investition lohnt sich. Es kostet zwar erstmal Geld, aber der Statusgewinn im sozialen Umfeld ist es definitiv wert. Was wenn die Flüsse zufrieren? Ja super, dann fahren auch die Busse nicht und die Schule fällt aus. Oder die Uni. Oder halt das Büro.

Unsere Eltern sind anders. Sie sind nicht in einer Welt der Knappheit aufgewachsen, sondern in einer Welt der Möglichkeiten. Sie mussten nicht auf die Arbeit laufen oder radfahren, sondern konnten mit dem Motorrad, vllt sogar Auto fahren, den Bus
oder Zug nehmen oder eben doch laufen, wenn es sich angeboten hat. Auch im Berufsleben gab es zahlreiche Möglichkeiten, eine Zeit von Vollbeschäftigung und vielen aufstrebenden Branchen. Man hat nicht gearbeitet, um sein Überleben zu sichern, sondern um sich seine Träume zu erfüllen. Ein Haus bauen, den Traumwagen fahren, Urlaub machen, an Orten, von denen die Eltern nur geträumt haben. Und sie haben Häuser gebaut, Karrieren gemacht und nun stehen zwei Autos in deren Garagen.

Was machen wir? Wenn wir besonders kreativ sind, gehen wir zu Poetry-Slams, wenn wir besonders wissbegierig sind, gehen wir zu Science-Slams und wenn wir besonders mutig sind, gehen wir zu Hörsaalslams und erzählen uns was über das Leben.

„Und eines Tages, Baby werde ich alt sein, oh baby werd ich alt sein und an all die Geschichten denken, die ich hätte erzählen können.“

So wie Julia Engelmann. Sie hat unser Problem erkannt. Wir sind keine Generation der Knappheit und auch keine Generation der Möglichkeiten. Wir sind eine Generation des Überflusses. Verkehrsmittel mit denen wir fahren können gibt es genug, sogar mehrere Autos in der Garage unserer Eltern. Studiengänge gibt es auch verdammt viele zur Auswahl. Wenn unsere Eltern unser Studium nicht bezahlen, dann gibt es immer noch Bafög.

„Mein Leben ist ein Wartezimmer, niemand ruft mich auf“

Sie erkennt sogar, dass man selbst etwas tun muss. Dass der Überfluss dazu führt, dass wir nichts bemerkenswertes tun. Bemerkenswert heißt, dass wir später Geschichten erzählen können, wenn wir alt sind. Aber das tolle an unserer Generation Y ist doch, dass wir auch die Lösung parat haben. Wir denken nicht täglich ans Überleben, wir pilgern nicht auf die Arbeit, um uns irgendwelche materiellen Träume zu erfüllen. Wir haben die Lösung für unsere Unzufriedenheit:

„Das Leben, das wir führen wollen, das können wir selber wählen, also lass uns doch Geschichten schreiben, die wir später gern erzählen. Lass uns Nachts lange wach bleiben, aufs höchste Hausdach der Stadt steigen, lachend und vom Takt frei die allertollsten Lieder singen, lass uns Feste wie Konfetti schmeißen, sehen wie sie zu boden reisen und die gefallenen Feste feiern, bis die Wolken wieder lila sind und lass ma uns an uns selber glauben, ist mir egal, ob das verrückt ist. “

Danke Julia Engelmann. Das ist die Lösung. Nur der wahre Yolo-Swag kann uns erlösen. Wir müssen einfach mehr feiern. Bis morgens wachbleiben, an uns selbst glauben, d.h. durchhalten, bis morgens die Sonne wieder aufgeht. Denn dann wird aus dem Konjunktiv der Indikativ. Wir erzählen unseren Enkeln dann nicht „Ja einmal hätte ich fast solange gefeiert, bis ich gekotzt hätte. Ein anderes Mal hätte ich fast soviele Pillen gefuttert, bis ich nicht mehr gewusst hätte, wer ich bin“. Nein, dann können wir erzählen „Ich war jede Woche sternhagelblau, niemand hat mit sovielen Typen rumgemacht wie ich oder soviele Alden durchgeorgelt, niemand hat härter gefeiert, wir haben gestampft bis der Arzt kam, Feiern geschmissen wie Konfetti und wir waren die Geilsten im Club.“

besterkompressor

Nichts gegen deine saubere Analyse, Julia, aber dein Lösungsvorschlag ist einfach Hundekot. Hättest du gesagt, dass wir an einem heißen Tag Cocktails im Park verkaufen sollen, endlich das Buch oder ein eigenes Lied schreiben, das uns schon lange vorschwebt, eine Reise ins Nirgendwo machen sollen, einem sportlichen Erfolg nacheifern, wie den Marathon, den du am Anfang erwähnt hast, dann hätte ich vielleicht keinen kompletten Krampf bekommen. Klar, wer genau guckt, sieht, dass Mut auch bloß ein Anagramm von Glück ist und ich bewundere deinen Mut an einem Hörsaalslam teilzunehmen. Aber unserer Generation erzählen, dass wir mehr feiern müssen und uns noch härter selbst zelebrieren sollen, wird langsam zum Trend und ist nichts mehr neues. Siehe www.elitedaily.com, die verdienen mit diesem Schema ihr Geld. In dem Sinne, you only live once as an idiot.