Ich war auf der Ambiente und es war der Konsum.

6. März 2015 von Qiong Wu

Als letztens nebenan in Frankfurt die Ambiente stattfand hätten wir sie beinahe komplett verpasst, wenn wir nicht von unseren PR Freunden über die wundervolle neue Porzellankollektion von Harald Glööööööckler informiert worden wären, die wir uns natürlich unbedingt ansehen mussten. Während wir also kurze Zeit später über die Ambiente schlenderten und darauf warteten dass Harald Glööckler uns seine neueste Kollektion aus gebranntem Ton vorstellt, liefen mir die guten alten Kindheitserinnerungen am geistigen Auge vorbei.

Meine Mutter arbeitete damals als Messehostess und kam immer irgendwie gratis auf alle möglichen Messen rein, was damals regelmäßig dafür sorgte dass wir das ganze Haus voll mit Werbegeschenken hatten. Die Ambiente ist eine Fachmesse die nur Fachpublikum und Journalisten offen steht und war besonders extrem wenn es um Kleinkram ging der von der Messe bei uns zuhause landete, denn jeder der schonmal dort war weiß dass am letzten Tag viele Aussteller, und ganz besonders die ausländischen Wholesale Produzenten, alles verkaufen was geht, damit nichts teuer mit nach Hause genommen werden muss. ALLES VERKAUFEN WAS GEHT.

Ich muss hoffentlich nicht extra erklären dass meine Mutter damals mit einem ganzen Auto voll mit Duschköpfen, afrikanischem geschnitzen Dekor, einem Elefanten aus Holz, jede Menge Vasen, Besteck und Geschirr nach Hause kam, auf das ich mich als damals Jugendlicher mit Begeisterung stürzte nur um festzustellen dass von dem ganzen Krempel kaum etwas wirklich nützliches dabei war.

Und als ich so durch die Hallen lief, erinnerte ich mich auf einmal wieder daran warum unser Haus mit dieser absurden bunten Kombination aus aller Welt dekoriert war. So kam also der ganze Krempel zu uns nach Hause… Achso und da war noch Harald Glööööckler.

Nachdem ich nicht hinter die Absperrung gelassen wurde obwohl wir uns extra akkreditiert hatten, (was ich verstehen kann, da mir sogar selbst kaum vorstellen konnte in Adidas Jacke und abgewetzter Hose vor dem Modezar persönlich zu stehen), mussten wir uns Harald Glöööcklers Auftritt von der tatsächlich recht angemessen großen Gruppe von Leuten ansehen, was zumindest die miserable Qualität folgender Fotos erklärt:

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Das Porzellan war wie immer sehr pompööös, aber auch die guten Sprüche vom frisch verheirateten Modezar („Mein Porzellan ist kein Gebrauchsporzellan, mein Porzellan ist Prinzessinnenporzellan“), oder dem Vertreter der Porzellanfirma („Wir haben nicht nur Porzellan für den menschen, sondern auch für den besten Freund des Menschen“), konnten mich in meinem Kopf nicht von dem einen Gedanken ablenken der sich immer tiefer in mein Gehirn bohrte. Kaufrausch…Kaufrausch….Kaufrausch!

Die ganze Sache wurde noch verschlimmert dadurch dass unser Couchsurfer aus Taiwan auf der Messe einen kleinen Stand hatte (sehr schöne Kreationen aus Bambus hier), und mir beiläufig davon erzählte dass die Halle mit den Geschenkartikeln ganz tolle und einmalige Sachen hat.

Also musste ich schnell nach Hause, konnte mich aber zuhause dann doch nicht recht entspannen und fuhr am letzten Tag wieder auf die Ambiente. „Am letzten Tag wird verkauft“ schallt es durch meinen Kopf.

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beispielhafter Händler auf der Ambiente. Hier wurde leider nichts verkauft.

 

Ich war wieder da. Mir war schwindelig. Um mich herum waren überall Produkte, Halle um Halle, Stand um Stand. Hier das Prinzessinnenporzellan, dort eine Decke die gleichzeitig ein Kissen ist (übrigens sehr gute Idee), und dann wieder ein Stand der peruanische Strohhüte hat. Endloses Stolpern durch die Stände. Als ich mich umschaute war ich auf einmal mitten im Wholesale Bereich für Küche und Wohnen gelandet, oder so ähnlich. Kurzer Blick auf die Uhr: 16:00. Die Messe ist vorbei.

Auf einmal gehts los. Von überall rennen Leute mit riesigen Einkaufstüten an und belagern die Stände, die wiederum fluchtartig alles zusammenpacken und die Ware die verkauft werden soll auf einen Haufen werfen. Die Stände die nichts verkaufen winken mit großen „NO SALE“ Schildern oder gestikulieren wild mit den potentiellen Käufern.

Neben mir ist ein Mann mit einem Geldbündel in der Hand. „How much is this?“ fragt er und hält mir einen Pfannenwender ins Gesicht. „Sorry, I don’t work here“. Und weiter. Dort gibt es Teekannen. Wieviel? 8 Euro. Okay, ich nehme das Teesieb, wieviel ist das? 1 Euro für 2? Alles klar, da bin ich dabei!

Am nächsten Stand haben sich ein paar pakistanische Kaufleute mit Turban hinter einer Wand aus Küchenutensilien verschanzt. How much is it for the steel bowls? 3 bowls 5 euros! Alright, I take it! höre ich mich sagen und hole meinen Geldbeutel raus. Der Kaufmann und ich sehen in mein Portemonnaie. Es liegen nur 10 Euro Scheine darin. Er zögert nicht lange, sieht mir in die Augen und sagt: 3 bowls 10 euros! Nonononono! you said 5 euros! alright alright, 5 euros! Zähneknirschen. Wechselgeld. 1a. Das sind wirklich gute Schüsseln.

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Die Teesiebe in die Schüssel und weiter. Da handelt grade ein Mann mit einer Frau über den Preis eines Edelstahl Mülleimers. Wieviel kostet der Mülleimer? frage ich auf chinesisch. (Bin ich froh dass ich chinesisch spreche) 15 Euro. Was? Nur 15 Euro? Aber der ist aus Edelstahl? Ja wir müssen ihn loswerden, wir können ihn auf keinen Fall wieder mitnehmen, das lohnt sich im Versand nicht. Alles klar, ich nehme den Mülleimer. Er ist wirklich ausgezeichnete Qualität. Man kann keine Fingerabdrücke auf dem Stahl hinterlassen und der Deckel geht sanft und leise zu. Danke Danke!

Puh, die Schüsseln passen genau in dem Mülleimer. Ich habe Glück.

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Langsam gehen mir die Ideen aus was ich noch kaufen soll und einen Messerblock später spaziere ich wieder einigermaßen beruhigt durch die Hallen und beobachte die Situation um mich herum. Alle Stände sind mittlerweile komplett kahl oder eingepackt.

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Innerhalb von einer halben Stunde ist alles verschwunden was hier vorher noch rumstand. Ich komme noch an einem Stand vorbei der Porzellanpuppen verkauft. Wieviel kostet eine Puppe? 2 Euro Fünfzig! Ja wirklich? Dann nehme ich zwei! Ich suche mir zwei Puppen aus und ziehe Richtung Ausgang.

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Ich trage einen riesen Mülleimer aus Edelstahl, in dem ein Messerblock, 2 Teesiebe, 3 Schüsseln und 2 Porzellanpuppen stecken.

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Ich habe meinen Stolz abgeworfen und habe ja zum Konsum gesagt.

Und ich habe meine Mutter angerufen. Sie hat angekündigt nächstes Jahr unbedingt wieder zur Ambiente fahren zu wollen.