7. September 2026 von Qiong Wu
Wer über autonome Fahrzeuge, Lieferdrohnen und sogenannte Smart Cities liest, bekommt oft den Eindruck, es gehe um Technologien, die irgendwann in den kommenden Jahren relevant werden könnten.

In Shenzhen fühlt sich das anders an.
Dort kann man bereits heute in ein Taxi steigen, in dem niemand am Steuer sitzt. Wenig später lässt sich Essen per Drohne zu einer Abholstation im Park liefern.
Während einer Reise nach Shenzhen habe ich beides ausprobiert: ein vollständig autonom fahrendes Robotaxi von Pony.ai und die Drohnenlieferung von Meituan.
Das Überraschende daran war weniger, dass die Technik funktioniert.
Sondern wie normal sie sich inzwischen anfühlt.
Pony.ai gehört zu den bekanntesten chinesischen Unternehmen für autonomes Fahren. Das Unternehmen betreibt kommerzielle Robotaxi-Dienste unter anderem in Shenzhen, Guangzhou, Beijing und Shanghai.
In Shenzhen sind inzwischen Fahrzeuge unterwegs, die vollständig ohne Sicherheitsfahrer fahren dürfen. Pony.ai startete den kommerziellen Betrieb seiner siebten Robotaxi-Generation dort Ende 2025.
2026 wurde das Angebot nochmals deutlich ausgebaut. Nach Angaben des Unternehmens umfasst das Servicenetz mittlerweile unter anderem den Flughafen Shenzhen Bao’an, den Shenzhen Bay Port und den Shekou Cruise Port.
Für den Fahrgast funktioniert das zunächst überraschend ähnlich wie eine normale Fahrt über eine Ride-Hailing-App.
Man wählt Start und Ziel, bestellt ein Fahrzeug und wartet auf dessen Ankunft.
Nur dass beim Öffnen der Tür anschließend niemand vorne sitzt.
Das Lenkrad bewegt sich von selbst.
Die ersten paar Minuten beobachtet man das Auto zwangsläufig genauer als ein gewöhnliches Taxi.
Kommt es rechtzeitig zum Stehen?
Erkennt es den Roller, der sich rechts vorbeidrängt?
Wie reagiert es auf Fußgänger?
Und was macht es in den für chinesische Großstädte typischen Situationen, in denen Verkehrsteilnehmer nicht unbedingt so fahren, wie es ein Lehrbuch vorsieht?
Nach kurzer Zeit verschwindet dieses Gefühl allerdings erstaunlich schnell.
Das Fahrzeug beschleunigt, bremst, wechselt Fahrspuren und ordnet sich in den Verkehr ein. Auf dem Display lässt sich beobachten, welche Fahrzeuge und Hindernisse das System in seiner Umgebung erkannt hat.
Der interessante Moment kommt irgendwann dann, wenn man aufhört, das Lenkrad zu beobachten.
Plötzlich ist es einfach eine Taxifahrt.
Robotaxis gibt es natürlich nicht erst seit 2026.
Interessant an Shenzhen ist vielmehr der Übergang vom technischen Demonstrator zum kommerziellen Verkehrsmittel.
Pony.ai meldete Anfang 2026 für seine Robotaxis in Shenzhen erstmals operative Kostendeckung auf Fahrzeugebene. Im Februar kam ein Fahrzeug laut Unternehmen im Monatsdurchschnitt auf 23 bezahlte Fahrten pro Tag.

Diese Zahlen stammen vom Unternehmen selbst und sagen noch wenig darüber aus, ob Robotaxis langfristig klassische Taxidienste ersetzen werden.
Sie zeigen aber, dass die Fahrzeuge längst nicht mehr ausschließlich als Versuchsplattform unterwegs sind.
Menschen bezahlen tatsächlich dafür, damit durch die Stadt zu fahren.
Für 2026 plant Pony.ai, seine Robotaxi-Flotte insgesamt auf mehr als 3.500 Fahrzeuge auszubauen. Ende des zweiten Quartals lag sie nach Unternehmensangaben bereits bei 1.975 Fahrzeugen.
Dass ausgerechnet Shenzhen bei solchen Technologien weit vorne liegt, ist wenig überraschend.
Die Stadt ist eng mit Chinas Elektronik- und Technologieindustrie verbunden. Unternehmen wie DJI, Huawei oder Tencent haben hier ihren Ursprung oder zentrale Standorte.
Dazu kommt eine Stadtplanung, bei der neue Infrastruktur häufig wesentlich schneller umgesetzt werden kann als in europäischen Städten.
Das Ergebnis ist eine Umgebung, in der neue Mobilitätskonzepte nicht nur auf Messen gezeigt werden, sondern direkt ausprobiert werden können.
Robotaxis sind dafür nur ein Beispiel.
Ein paar Kilometer weiter wartet bereits die nächste Technologie.
Im Shenzhen Talent Park in Nanshan befindet sich eine der regulären Drohnenlieferstrecken von Meituan.
Meituan ist einer der größten chinesischen Anbieter für Essenslieferungen und lokale Dienstleistungen. Bereits 2023 nahm das Unternehmen eine regelmäßige Drohnenroute zwischen dem Talent Park und dem nahe gelegenen Coastal City in Betrieb.
Das Prinzip ist relativ einfach.
Über die Meituan-App beziehungsweise das entsprechende Mini-Programm bestellt man bei teilnehmenden Restaurants oder Geschäften.
Die Bestellung wird anschließend nicht von einem Fahrer mit Motorroller abgeholt.
Stattdessen wird ein Paket unter einer Drohne befestigt.
Die Drohne startet automatisch und fliegt entlang einer festgelegten Route zu einer Abholstation.
Dort wird das Paket abgelegt und kann anschließend vom Kunden entnommen werden.
Wer bei „Drohnenlieferung“ an einen kleinen Quadrocopter denkt, der direkt vor dem Balkon landet, dürfte allerdings überrascht sein.
Das System ist wesentlich strukturierter.
Die Drohnen fliegen zwischen festgelegten Start- und Landepunkten. Die Bestellung landet an einer speziellen Station und nicht irgendwo auf dem Bürgersteig.
Das wirkt zunächst weniger futuristisch, ist aus praktischer Sicht aber nachvollziehbar.
Die Infrastruktur löst mehrere Probleme gleichzeitig: Die Drohne benötigt keine geeignete Landefläche beim Kunden, Passanten kommen nicht mit Rotoren in Kontakt und mehrere Lieferungen können über denselben Punkt abgewickelt werden.
Aus der spektakulären Idee eines fliegenden Lieferdienstes wird dadurch ein relativ gewöhnliches Logistiksystem.
Und genau das macht es interessant.
Beim ersten Anflug schaut man der Drohne noch gebannt entgegen.
Sie nähert sich der Station, positioniert sich darüber und liefert das Paket ab.
Ein paar Minuten später steht man mit seinem Essen im Park.
Technologisch ist der Vorgang komplex. Als Nutzer besteht die Interaktion dagegen fast nur aus Bestellen und Abholen.
Das erinnert stark an die Erfahrung mit dem Robotaxi.
Auch dort ist die Technologie im Hintergrund enorm aufwendig.
Sensoren, Kameras, LiDAR-Systeme, hochauflösende Karten, KI-Modelle und eine zentrale Flotteninfrastruktur arbeiten zusammen.
Als Fahrgast drückt man hingegen hauptsächlich auf einen Knopf und steigt ein.
Vielleicht ist genau das ein Zeichen dafür, dass eine Technologie langsam erwachsen wird.
Natürlich lässt sich Shenzhen nicht einfach auf Deutschland übertragen.
Autonomes Fahren hängt stark von Regulierung, Haftungsfragen und vorhandener Infrastruktur ab. Das Gleiche gilt für Lieferdrohnen.
Auch in China dürfen Robotaxis nicht beliebig überall fahren. Die Dienste sind auf zugelassene Gebiete und Betriebsbedingungen beschränkt.

Drohnenlieferungen wiederum funktionieren derzeit vor allem über feste Routen und spezielle Stationen.
Von einer Stadt voller beliebig umherfliegender Lieferdrohnen oder Autos, die überall ohne Fahrer unterwegs sind, sind wir also auch in Shenzhen noch entfernt.
Trotzdem ist der Unterschied zu vielen europäischen Debatten auffällig.
In Shenzhen wird die Frage nicht mehr ausschließlich gestellt, ob solche Technologien irgendwann funktionieren könnten.
Man sammelt bereits Erfahrungen damit, wie sie sich im täglichen Betrieb verhalten.
Das Beeindruckendste an beiden Erfahrungen war letztlich nicht das fahrerlose Auto oder die Drohne selbst.
Es war die Reaktion der Menschen darum herum.
Ein Robotaxi fährt durch den normalen Verkehr, während andere Verkehrsteilnehmer ihm kaum besondere Aufmerksamkeit schenken.
Eine Lieferdrohne landet im Park, während daneben Menschen spazieren gehen, joggen oder mit ihren Kindern spielen.
Die Zukunft sieht hier erstaunlich wenig nach Science-Fiction aus.
Sie besteht aus einem Auto, das vorfährt.
Einer App.
Einer Drohne.
Und einer Bestellung zum Mitnehmen.
Vielleicht ist das der interessanteste Eindruck, den Shenzhen hinterlässt:
Technischer Fortschritt beginnt nicht unbedingt dann, wenn eine neue Technologie zum ersten Mal funktioniert.
Sondern dann, wenn niemand mehr stehen bleibt, um sie anzuschauen.
Die beschriebenen Robotaxi- und Drohnenangebote wurden vom Autor während einer Reise nach Shenzhen selbst genutzt. Die Fahrt und Bestellung wurden regulär gebucht und nicht von den beteiligten Unternehmen bereitgestellt.
© 2026 dershit - a gfnork project | Theme by Eleven Themes | Nexa Font by http://fontfabric.com/
Leave a Comment